top of page

Die Gabe der Freiheit



Das post-hum veröffentlichte Silmarillion bildet das theologische Grundgerüst für die weitaus bekannteren Werke J.R.R Tolkiens, Der Herr der Ringe und Der Hobbit. Hier beschreibt der Autor die Entstehung seiner Welt und ihrer Bewohner im Stil eines wortgewaltigen Entstehungsmythos. In der Ainulindale stimmt Eru der Schöpfer, von den Elben später auch Illúvatar genannt, eine nie zuvor erklungene Musik zur Schaffung Mittelerdes an. Ergänzt wird seine Symphonie durch die Valar, heilige Sprösslinge seiner Gedanken. Gemeinsam füllten sie mit ihrer Melodie die Leere und besiegelten damit die Geburt der Welt.[1]

Spult man nun auf der „Best of Creation“-LP Ilúvatars ein wenig vor und überspringt dabei einige ausgefallenere Stücke (verursacht durch Streitigkeiten mit einem aufsässigen Mitglied der Valar, wie man es so oft in erfolgreichen Bands beobachtet), so landet man bei einer der spannendsten Ideen in Tolkiens Werk: Dem Konzept des Todes. Ein häufiges und umso komplizierteres Thema in Der Herr der Ringe. An dieser Stelle ist eine terminologische Differenzierung notwendig: Für Tolkien sind die Seelen von fühlenden Wesen unsterblich und unzerstörbar. Wenn also in Mittelerde vom Tod die Rede ist, so handelt es sich dabei um die Zerstörung des Körpers und (viel wichtiger) den Übergang der Seele an einen nächsten Ort.


Insbesondere Letzteres ist als Unterscheidungsmerkmal zwischen den Völkern Mittelerdes von zentraler Bedeutung. Doch wie sterben die unterschiedlichen Bewohner von Professor Tolkiens Werken? Die mächtigsten Wesen, abgesehen vom Schöpfer selbst, sind mit Sicherheit die Valar. Sie sind älter als die Erde selbst und waren von Beginn an Teil der großen Musik, die das Muster der späteren Welt werden sollte. Gleichzeitig sind sie von Natur aus körperlos und damit unsterblich. Als sie im Laufe der Schöpfung ihre eigenen Melodien in Ilúvatars Musik einwoben, wurden sie an die Welt und ihr Schicksal gebunden. Unfähig, ihr Wesen von Mittelerde zu trennen, bleiben die Valar den Gesetzen der Welt unterworfen.

Die erstgeborenen Quendi, später genannt Elben, sind den Valar nicht unähnlich. Zwar reicht das Ausmaß ihrer Macht nicht annähernd an das der Götterähnlichen heran, aber umso verwandter ist die Natur ihrer Fähigkeiten. Ilúvatar entschied: „Doch sollen die Quendi die schönsten von allen Erdengeschöpfen sein, und sie sollen mehr Schönes besitzen und ersinnen und schaffen als alle meine Kinder […]“.[2] In Der Hobbit und Der Herr der Ringe werden die Elben als glorreiche und bezaubernde aber zugleich oftmals traurige und verbitterte Wesen beschrieben. Anders als die Valar besitzen sie eine fleischgewordene Gestalt aber sie scheiden nicht auf natürliche Weise dahin. Stattdessen entflieht ihre Seele bei einem gewaltsamen Tod nur in die Halle des Mandos (einer der Valar und Hüter der Totenhäuser) um zu heilen und anschließend in einer neuen körperlichen Form wiedergeboren zu werden. Die Quendi sind fester Teil der Melodie der Schöpfung, ebenfalls an die Welt gebunden und damit unsterblich.

Ein unklareres Schicksal erwartet die Zwerge. Bei ihnen bleibt das Silmarillion vage und erzählt nur von zwei unterschiedlichen Möglichkeiten: So glaubten die Elben, dass die Zwerge, ursprünglich geschaffen aus Felsen und Stein, zu diesem Zustand zurückkehren. Damit wären sie die einzige Rasse, deren Tod ein tatsächliches Ende jeglicher Existenz bedeutet. Die Zwerge hingegen bevorzugten die Theorie, dass ihr Schöpfer (der Valar Aulë, und nicht Ilúvatar selbst) einen eigenen Bereich in Mandos Hallen für sie bereithält, wo sie nach ihrem Tod die Erlösung durch Eru erwarten. Betrachtet man Tolkiens Einstellung zur Unzerstörbarkeit der Seele und der gesonderten Rolle der Menschheit, lässt sich davon ausgehen, dass die Zwerge das Schicksal der Elben zumindest in abgeschwächter Form teilen.


Diese Sonderposition der Menschen, oder Atani wie sie im Silmarillion genannt werden, offenbart sich in einem einzigartigen Geschenk Ilúvatars, die Gabe der Freiheit:

Daher beschloss er, dass die Herzen der Menschen über die Welt hinausstreben und in ihr nicht Ruhe finden sollten; doch sollten sie eine Kraft haben, ihr Leben inmitten all der Mächte und Zufälle der Welt nach eigener Wahl zu leben, jenseits der Musik der Ainur, die für alle anderen Dinge wie das Schicksal ist; und von ihrem Wirken sollte alles in Form und Tat fertig werden und die Welt ausfüllen bis ins Letzte und Kleinste. [3]

Die Menschheit steht also außerhalb des Schicksals der Welt. Ihre Unabhängigkeit von der Symphonie der Schöpfung geht sogar so weit, dass sie nur für kurze Zeit auf der lebendigen Welt wandeln. Anschließend wandern ihre Seelen an einen unbekannten Ort. Ilúvatars Geschenk wurde im Laufe der Zeitalter oft nicht als solches angesehen, stattdessen war die Gabe des Todes auch bekannt als „Verhängnis der Menschen“[4]. Die Menschen wollten dieses Geschenk nicht sondern beneideten die Elben um deren Unsterblichkeit. Der Neid und das Streben nach verlängertem Leben gipfelte mehrfach in selbstzerstörerischem Verhalten: Das mächtige Menschenkönigreich von Númenor versuchte am Höhepunkt ihrer Zivilisation die Unsterblichen (und vor allem verbotenen) Lande von Valinor zu erreichen und wurde dafür bitter bestraft. Die Invasoren sowie ihre Heimat wurden von Eru in den Tiefen des Meeres versenkt. Diese Angst vor dem Dahinscheiden der Menschen wurde auch von Sauron erkannt und er nutzte das Versprechen von Unsterblichkeit um seine neun verdorbenen Ringe der Macht an den Menschen zu bringen. Das Resultat waren die Nazgûl, welche im Der Herr der Ringe eine wichtige und düstere Rolle spielen. Die Ringe verlängerten ihre Leben auf künstliche Weise, aber es war letztlich nichts anderes als ein Trick. Ihr neues Dasein mochte beständiger sein, aber es war ihnen nicht vergönnt einen weiteren glücklichen Tag zu verleben.


In J.R.R Tolkiens Werk hat jedes Lebewesen eine festgesetzte Lebensspanne. Ist diese Zeit vorüber, wird ihre Seele der Welt überdrüssig und es wird ihnen unmöglich, Glück zu empfinden. Bilbo beschreibt es so: „Ich fühle mich dünn, irgendwie gedehnt, wie Butter, die auf zu viel Brot gestrichen wurde“[5]. Kein Wesen kann diesem Prinzip entrinnen, nicht einmal die nahezu allmächtigen Valar. Am Ende der Handlung vom Der Herr der Ringe segeln Frodo, Sam, Bilbo und Gimli in die Unsterblichen Lande von Valinor um dort zu heilen. Letztendlich entscheiden aber auch sie sich aus freien Stücken zu sterben.

Die Gabe der Freiheit und des Todes ist also wirklich das, eine Gabe für die Menschen: „Tod ist ihr Schicksal, die Gabe Ilúvatars, die mit der Ermüdung der Zeit selbst die Mächte ihnen neiden werden.“ Das Nichtverstehen dieses Geschenks kann zu schrecklichen Verbrechen führen, während die Annahme des Geschenks vollendete Zufriedenheit und Weisheit verspricht. Tatsächlich war dieser Gedanke für Tolkien so wichtig, dass er ihn bei mehreren Gelegenheiten als das Hauptthema des Der Herr der Ringe bezeichnete:

Aber ich würde sagen, wenn es in der Geschichte um etwas geht (außer um sich selbst), dann nicht, wie allgemein angenommen wird, um "Macht". Das Streben nach Macht ist nur die treibende Kraft, die die Ereignisse in Gang setzt, und ist relativ unwichtig, denke ich. Es geht hauptsächlich um den Tod und die Unsterblichkeit; und um das "Entrinnen": serielle Langlebigkeit und das Horten von Erinnerungen.[6]


Gezeichnet: N.K. Den Haag, August 2023

[1] J. R. R. Tolkien, Das Silmarillion, hg. von Christopher Tolkien, übers. von Wolfgang Krege, 33. Auflage, Hobbit-Presse (Stuttgart: Klett-Cotta, 2021), 19–33. [2] Tolkien, 57. [3] Tolkien, 58. [4] Tolkien, 265–68. [5] J. R. R. Tolkien, Der Ring wandert, Die Geschichte des grossen Ringkrieges (Stuttgart: Klett-Cotta, 1997), 47. [6] J. R. R. Tolkien, Humphrey Carpenter, und Christopher Tolkien, Letters of J. R. R. Tolkien: a selection (London ; Boston: Allen & Unwin, 1981), Nr. 211.


Lord of the rings - Poster: Jimmy Cauty, Athena, 1976.

12 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comentários


bottom of page