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Wien: Die zerstückelte Lulu von Marlene Monteiro Freitas

Wien: Wiener Festwochen, 02.06.2023


Berg: Lulu


Anne Sofie von Otter, Bo Skovhus, Vera-Lotte Boecker, Cameron Becker, Francisco Rolo, Henri "Cookie" Lesguillier, Ina Wojdyła, Joãozinho da Costa, Kyle Scheurich, Nina Van der Pyl, Rui Paixão, Tomás Moital. Musikalische Leitung: Maxime Pascal. Szenische Leitung: Marlene Monteiro Freitas. ORF Radio-Symphonieorchester Wien


Foto ©Monika Rittershaus


Alban Bergs Oper Lulu, inszeniert von der portugiesischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas, feierte diesen Juni in Wien Premiere. Dies ist das gewagteste Musiktheaterereignis der Wiener Festwochen, die jedes Frühjahr die Heterogenität der zeitgenössischen Theaterszene feiern. Unter der Leitung des französischen Dirigenten Maxime Pascal und unterstützt durch die Infrastruktur des Theaters an der Wien, dem Koproduzenten der Show, verwandelt Monteiro Freitas Lulu in das perfekte Labor für ihre besondere choreografische Sprache.


Diese Wiener Lulu als Musiktheater zu bezeichnen, ist in der Tat eine Halbwahrheit. Monteiro Freitas, die ihren ersten Auftrag als Opernregisseurin annimmt, liest die Oper aus der Perspektive des Tanzes und komponiert eine ganze Choreografie für Bergs Partitur, und somit wird das Ganze eher zu einem Tanztheaterabend. Die Sängerinnen und Sänger, die auch tanzen, interagieren mit einem Ensemble von Tänzern, die sich unablässig auf der Bühne bewegen.


Das Ergebnis ist eine Anhäufung von Reizen, die manchmal zu überladen wirkt, wie es oft der Fall ist, wenn die Pflege der Opernszene den Choreographen überlassen wird (der opernerfahrene Sidi Larbi Cherkaoui zum Beispiel stößt oft auf dieses Hindernis). Zur Sättigung der Bühne trägt auch die faszinierende Anordnung des Orchesters bei, das auf einer Ebene über der Bühne positioniert ist und in ständiger Interaktion mit den Darstellern steht.


In Monteiro Freitas' Vorschlag macht die Überladung jedoch Platz für dramaturgische Intelligenz. Die Choreografin sieht in Lulu ein düsteres zoologisches Spektakel – in Anlehnung an Wedekind und Berg; sowohl das Theaterstück als auch die Oper werden in einem kurzen Vorspiel von einem Dompteur als solches vorgestellt. Der Fall ist folgender: eine Reihe von Männern ruinieren ihr Leben für den Besitz einer Frau. Der Dirigent und das Orchester agieren von ihrer erhöhten Position über der Bühne wie in einer Arena als Voyeure. Die Tänzerinnen und Tänzer verkörpern mit ihrer hochkomplexen Choreografie aus banalen Körperaktionen und unnatürlichen Bewegungen die Attribute jener expressionistischen Femme fatale Lulu, unfruchtbar, seltsam und fragmentarisch.


In diesem komplexen choreografischen Geflecht, das Hand in Hand mit der Clownerie arbeitet, haben die Sänger-Darsteller wenig zu tun. Monteiro Freitas verzichtet auf die Inszenierung des Textes, so dass sich die Handlung der Oper in den Falten des Tanzes verliert. Die außergewöhnliche Sängerbesetzung, angeführt von Anne Sophie von Otter als Gräfin Geschwitz und Bo Skovhus als Dr. Schön, sorgt jedoch dafür, dass Alban Bergs unglückselige Partitur den ihr gebührenden Stellenwert erhält. Star des Abends war zweifellos Vera-Lotte Boecker, eine stabile und radikale Lulu in der unbezähmbaren Höhe der Rolle, die auch interpretatorisch überzeugte, ebenso wie der Tenor Cameron Becker mit seinem klaren und präzisen Timbre. Den beiden jungen Sängern gelang es, den erfahrenen Stimmen der Mozartianer Skovhus und von Otter eine eigene Persönlichkeit entgegenzusetzen.


Besondere Erwähnung verdient das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das von Maxime Pascal durch Lulus Abenteuer geführt wurde und jederzeit im Rampenlicht stand. Seine Interpretation des Nachspiels der Oper, die auf die Anklänge an Gustav Mahlers Symphonik, die die Partitur durchdringen, achtet, war besonders bewegend. Begleitet wurde dieses Nachspiel von einer verstörenden Choreographie. Eine riesige Puppe, verkörpert durch eine der Tänzerinnen mit Puppenmaske und weiß gekleidet wie eine Braut, bewegt sich unheimlich auf der Bühne. Das Unheimliche an ihren Bewegungen war schon maßgeblich gewesen für die Choreographie Monteiro Freitas während der Vorstellung: es handelt sich dabei um eine Mischung zwischen Mechanismus und Sinnlosigkeit, vielleicht eine Art verstörter Anklang des Organischen. Die Puppe nämlich versucht vergebens, ihren verstummelten Arm zu befreien, versucht sozusagen aus ihrer Behinderung, aus ihrer Verstümmelung hinaus zu wachsen. Es begleitet sie eine ebenso unheimliche Figur, offensichtlich der Bräutigam, schwarz bekleidet und mit einem Hut, der an den Wanderer erinnert. Langsam wird klar, dass er an der Puppe arbeitet. Wie ein Schneider näht dieser zweite Tänzer ständig an ihr wie an einem von ihm gefertigtem Stück. Umsonst, denkt man sich, versucht er sie fertig zu kriegen für seine Phantasie.


Gezeichnet: Schattenhaar

Bayreuth, Juni 2023


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