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Der kleinste Raum



Als der Mann und die Frau von der Wohnung im Vorderhaus in das Einfamilienhaus im Hinterhof zogen, war gerade ihre dritte Tochter geboren. Einige Jahre und zwei Geburten später platzte das Haus aus allen Nähten, als wollte es eine Theorie bestätigen, die die Frau schon vor Jahren aufgestellt hatte: Ab dem dritten Kind steigt das Chaos exponentiell nicht linear.

Und so fiel eine Wand und verband das Heim der Familie mit einem Flur, der sich an seinem Ende in Zwei teilte. Links schloss sich eine Halle an. Sie hatte lange Zeit große Maschinen beherbergt. Behäbige Monster, deren Grollen sich durch das Mauerwerk fraßen und aus denen Tinte troff, die den Boden fleckig und grau färbte. Jetzt war sie leer, die Spuren beseitigt und die Steine erinnerten sich nur noch dunkel an das markerschütternde Geschrei. Folgte man dem Flur jedoch nach rechts, führte er über eine Treppe auf eine Empore. Einst Lagerfläche für Papiergebirge, nun eine öde, raue Fläche mit Kanten und Erhebungen.

Das Chaos jubilierte und schrie vor Freude über die Erweiterung seines Reiches. Brausend ergoss es sich durch die Flure und in die Räume. Seine Gischt schlug mit ganzer Kraft gegen die dazugewonnene Treppe, tröpfelte die Stufen entlang, überschwemmte die Empore. Als der Sturm sich legte und das Wasser zurückging, hinterließ es allerlei Treibgut, dass sich auf den leeren Flächen abgesetzt hatte. Die Stufen standen voller großer Körbe und Kisten, gefüllt mit Tellern, Besteck, Girlanden und Kerzen - Gegenstände, die nur zu großen Veranstaltungen ins Haupthaus durften. Koffer belagerten die leeren Ecken der Empore und alte Musikinstrumente fanden den Ort ihrer letzten Ruhe auf den Plätzen dazwischen. Kommoden voller Fotoalben und Ordnern wuchsen aus den Wänden hervor und nach einiger Zeit bedeckte der Staub sie alle mit seinem Schleier aus Gaze.


Mitten zwischen ihnen thronte eine Tür. Sie hatte einmal eine Milchglasscheibe in ihrem Rahmen gehalten. Nun war die Scheibe schon lange verschwunden und durch ein weiß lackiertes Holzbrett ersetzt worden. Die Jahre hatten den Lack gelb getüncht und mit Rissen verziert, die sich wie Adern über die Oberfläche zogen. Nur das grün-rote Plättchen unterm Schloss verriet noch den früheren Gebrauch des dahinter liegenden Raumes. Während des Sturms, der die Empore überrannte hatte, verzog sich die Tür etwas, weswegen das Schloss und seine Farben nur noch reine Zierde und trauriges Denkmal ihrer alten Funktion waren.

Nichtsdestotrotz ließ sie sich noch schließen, ein Schutzwall vor der chaotischen Außenwelt. Weder die langen Gazeschleier des Staubes noch das lautstarke Toben der Bewohner des Hauses konnten sie durchdringen. Göttin dieser Festung war die Ruhe. Sie breitete über den Raum ihren Mantel, gewebt aus dem eintönigen Rauschen des Windes, auf das der Verkehr auf der Straße Muster aus Goldfaden stickte. Aus ihren Händen floss die Zeit in die Mauerritzen, schläfriger und behäbiger als auf der anderen Seite der Tür.

Den Boden des Raumes bedeckten kleine quadratische Flächen –zehn mal zehn Zentimeter große, gräuliche Quadrate mit dunkelgrauer Maserung, die an dem Übergang zur Wand zu einer kleinen Kante emporwuchsen. Darüber waren die Mauern mit größeren, hellgelben Fliesen beschlagen, neun Reihen übereinander. Direkt links neben der Tür fehlte ein kleines Stück zwischen der fünften und sechsten Fliese, vielleicht hatte hier einst ein Seifenspender oder ein Handtuchhalter aus den Fugen geragt.

Die Wände darüber, ebenso wie die Decke, waren weiß verputzt, wurden jedoch durch das Licht der halbrunden Sonne aus Milchglas gelblich gefärbt. Der warme Lichtkegel stritt sich mit dem bläulichen Licht, das aus dem kleinen Fenster gegenüber der Tür drang. Es selbst war kaum zu entdecken. Dichte Reihen langer Seidenkleider, Neoprenanzüge und Karnevalskostüme bedeckten diese kleine Lücke im Dickicht des Mauerwerks. Bei der Expansion des Hauses, hatten diese Kleiderstücke sich aus den verschiedensten Schränken zusammengetan und waren ausgezogen, um ihr eigenes Reich zu finden. Nach einer langen Wanderung hatten sie dieses Fleckchen Fliese gefunden, ihre Stangen in die Wände gerammt und sich häuslich aufgehängt. Sie waren die stolzen Bewohner des Raumes, jedes Kleidungsstück eine Erinnerung an die schönen Momente des Lebens der Familie.


Beim Einzug hatte es Diskussionen zur gesellschaftlichen Ordnung ihres neuen Landes gegeben. Man hatte viel geredet und sich dann darauf geeinigt eine Drei-Klassen-Gesellschaft mit gleichem Stimmrecht zu bilden.

Zum einen waren da die feinen Herrschaften - Abendkleider aus fließender, roter Seide und schwarzen Taft. Sie rochen nach schwerem Parfum und leicht nach kaltem Schweiß von durchgetanzten Nächten. Ihr leises Rascheln erinnerte an Schritte über glattes Parkett, klirrende Gläser und ausgelassene Gespräche, den Geschmack von prickelndem Champagner und mittelmäßigen Catering-Buffets. Sie glänzten und strahlten in dem Licht der kleinen Sonne, in dem vollen Wissen, dass sie die wertvollsten im Raum waren, die mit denen am vorsichtigsten umgegangen wurde. Manche von ihnen waren so zerbrechlich, dass man sie zum Schutz in Hüllen packte, schwere Kleidersäcke, die sie beschützten und vor den Gefahren der Welt abschirmten.


Dann gab es das Party-Volk, die Karnevalisten. Das Haus stand in Düsseldorf, und wie in den meisten Städten, durch die Vater Rhein spazierte, konnte man kaum hier wohnen und der fünften Jahreszeit entkommen. Sie waren wie ein dickes Fell, das ihre Träger vor der Kälte, Rämpeleien und Bierspritzern beschützte. Daher konnte man trotz mehrerer Wäschen, noch einen flüchtigen Geruch von Hefe und Gärung vernehmen, wenn man die Nase tief in die Piratenmäntel und Husarenjacken steckte. Sie erzählten von wilden Partys, Karnevalsumzügen, lauter Musik und vollen Sälen. Zu ihnen gehörten die zwei Kisten, die auf dem Boden des Raumes standen. Die eine aus Plastik und durchsichtig, die andere selbstgebaut aus bedruckten Styropor-Platten und Klebeband. In ihnen schliefen die Perücken und Dreispitze, die die Verkleidung der Feiernden komplettierten. Oft machten die Karnevalskostüme sich über die Abendkleider lustig – die wüssten doch gar nicht was eine richtige Party sei.

Die Neoprenanzüge konnten darüber nur entspannt lächeln. Sie wussten, dass sie die eigentlichen Stars des Raumes waren. Roben und Kostüme mochten eine kurze Auszeit von dem Stress des Alltags bieten, aber sie standen für die wahre Freiheit. Wurden sie aus dem Raum geholt, strahlten die Augen der Besitzer voller Vorfreude, schallte das ganze Haus von aufgeregten Stimmen und dem Rumpeln von Kofferrollen auf Treppenstufen. Während die anderen nur innerhalb der Stadt ausgeführt wurden, durften sie auf Reisen gehen. Stundenlang fuhr man sie im brummenden Auto umher, bis sie an einem anderen Ort ausgepackt wurden, wo die Luft reiner und klarer war, man das Salz auf der Zunge schmeckte und das Rauschen, das man hörte, nicht durch die vorbeirasenden Autos draußen auf der Straße, sondern durch riesige Wellen verursacht wurde, die kristallklar und kalt in der heißen Sonne glitzerten. In ihren Poren befand sich Sand, und ihr gummiartiger Geruch vermischte sich mit dem Versprechen auf unbeschwerte Stunden und erholsame Ruhe. Die Neoprenanzüge lebten für diese Wochen des Glücks und zerrten monatelang von der Erinnerung und der Vorfreude auf das nächste Mal, wenn sie ihre Kleiderstangen verlassen durften.


Es war ein friedliches Leben für alle Einwohner des Zimmers, nur ab und zu kam jemand und nahm einen von ihnen mit. Kehrten sie zurück, erzählten sie den anderen von ihren Erlebnissen, auf gediegenen Feiern, wilden Partys oder langen Wochen am Strand. Stundenlang prahlten sie mit ihren Geschichten, sicher unter dem schützenden Mantel ihrer Göttin, während draußen das Chaos gegen die Grenzen ihres Reiches brandete. Nur die kleine Corolle-Puppe, immer noch nach Vanille duftend, hörte alles mit. Sie saß mit all ihren winzigen rosafarbenen Kleidchen in ihrer Kiste ganz hinten in der Ecke und amüsierte sich über die berichteten Abenteuer. Ein guter Ort für meinen Ruhestand – dachte sie oft – hier, im kleinsten Raum des Hauses.


Gezeichnet: Wein in den Muscheln

Bayreuth, Juni 2023

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Einfach schön!

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